Jurisprudence

Strafrechtliches Neuland: Stealthing

SCHWEIZ, KANTONALE RECHTSPRECHUNG: STEALTHING

Bezirksgericht Lausanne PE15.012315-LA, 9. Januar 2017: Zweitinstanzliches Urteil des Kantonsgerichts Waadt, 8.Mai 2017 Nr. PE15.012315-LAE/PBR
Bezirksgericht Bülach  DG180057, 13. Februar 2019, noch nicht rechtskräftig (Urteilsbegründung nicht zur Publikation freigegeben)
Basel-Stadt XX noch nicht rechtskräftig

Gastbeitrag und Kommentar von Nora SCHEIDEGGER
Das sog. Stealthing (von engl. stealth = List), d.h. wenn ein Sexualpartner vor oder während des Geschlechtsverkehrs heimlich das Kondom abstreift und in der Folge abredewidrig ungeschützten Verkehr praktiziert, beschäftigte bereits wiederholt die Schweizer Strafgerichte. Während im schweizweit ersten Fall zur Thematik das verpönte Verhalten erstinstanzlich noch als Vergewaltigung und zweitinstanzlich dann als Schändung  qualifiziert wurde, haben das Bezirksgericht Bülach ZH und das Baselbieter Strafgericht im Frühjahr die jeweiligen Beschuldigten freigesprochen. Stealthing könne weder als Vergewaltigung noch als Schändung qualifiziert werden; die entsprechende Rechtslücke müsse – wenn überhaupt – durch den Gesetzgeber geschlossen werden.


Diskriminierung einer schwangeren Lehrerin

SCHWEIZ, KANTONALE RECHTSPRECHUNG: GLEICHSTELLUNGSGESETZ

Verwaltungsgericht des Kantons Zürich, Urteil VB.2018.00701, Endentscheid vom 3. Juli. 2019.

Die Kürzung des Beschäftigungsgrades einer Lehrerin aufgrund ihrer Schwangerschaft verstösst gegen das Gleichstellungsgesetz.


Amtsgericht Solothurn verurteilt eine Salonbetreiberin wegen Menschenhandels

SCHWEIZ, KANTONALE RECHTSPRECHUNG: MENSCHENHANDEL

Amtsgericht, 16. Juli 2019

Gastkommentar von Eva ANDONIE , Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration FIZ
Am 16.7.2019 verurteilte das Amtsgericht Solothurn eine thailändische Salonbetreiberin in drei Fällen wegen Menschenhandels zwecks sexueller Ausbeutung und verurteilte sie zu einer Freiheitsstrafe von insgesamt 40 Monaten.


Ehe für alle

ECUADOR: MENSCHENRECHTE

Corte Constitucional del Ecuador, 12. Juni 2019 (Sentencia N. 10-18-CN/19, Sentencia N. 11-18-CN/19)

Die Verfassung Ecuadors und die Amerikanische Menschenrechtskonvention (AMRK) in ihrer verbindlichen Auslegung, die sie durch das Gutachten des Interamerikanischen Gerichtshofs für Menschenrechte (IAGMR) OC 24/17 vom 24.11.2017 erhalten hat, gebieten es, die Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare zu öffnen. Die widersprechenden Bestimmungen des ecuadorianischen Rechts sind nicht anwendbar, die gesetzgebende Gewalt wird verpflichtet, entsprechende gesetzliche Institutionen zu schaffen.


Protection de l’identité sexuelle non binaire ou fluide

BELGIQUE: DROIT DES PERSONNES

Cour constitutionnelle, 19 juin 2019, n°99/2019

Selon la Cour, le fait pour une personne, dont l’identité sexuelle est non binaire, de ne pas pouvoir modifier dans son acte de naissance l’inscription d’un sexe qui ne correspond pas à cette identité, alors qu’une personne dont l’identité sexuelle est binaire le peut, viole le principe d’égalité et de non-discrimination. En outre, le fait pour une personne, dont l’identité sexuelle est fluide, de devoir passer par une procédure lourde et non assortie de garantie de succès pour modifier une nouvelle fois son sexe, alors que le droit de procéder à un premier changement de sexe – suffisant pour une personne transgenre dont l’identité de sexe est non fluide – est garanti et assorti d’une procédure légère, viole également le principe d’égalité et de non-discrimination.


Libertà religiosa e divieto di discriminazione in base all’orientamento sessuale - alcune riflessioni a partire dalle pronunce "sull’obiezione del pasticciere"

USA/UK: OBIEZIONE DI COSCIENZA

Court of Appeals of Colorado, July 25, 2016 (14CA1351)
Supreme Court, October 10, 2018 (UKSC 49, 2017/0020)

GenIUS, Rivista di studi giuridici sull’orientamento sessuale e l’identità di genere 2019-1.
Riflessioni sulle conseguenze che il riconoscimento di una religious exemption generalizzata e un uso strumentale della libertà di espressione potrebbero produrre sulla dignità delle persone e la garanzia del divieto di discriminazione.


Urteil wegen Werbung für Schwangerschaftsabbruch im Fall der Ärztin Kristina Hänel aufgehoben

DEUTSCHLAND: WERBUNG FÜR SCHWANGERSCHAFTSABBRUCH § 219a StGB

OLG Frankfurt am Main, Beschluss vom 27.6.2019, Az. 1 Ss 15/19.

Nach einer Gesetzesänderung wurde das Urteil wegen Werbung für Schwangerschaftsabbruch zu Gunsten der Ärztin an das Landgericht Giessen zurückgewiesen. Auf der Grundlage der landgerichtlichen Feststellungen lasse sich nicht ausschliessen, dass das neue Recht zu einer für die Angeklagte günstigeren Bewertung führt.


Elternschaft gegenüber zwei aus einer Leihmutterschaft geborenen Kindern

ITALIEN: INTERNATIONALES PRIVATRECHT

Corte suprema di cassazione, 6. November 2018 (R.G.N. 10101/2017) (hinterlegt am 8. Mai 2019). 

Die Transkription eines ausländischen Entscheides, welcher die rechtliche Elternschaft zweier Väter gegenüber zwei aus einem Leihmutterschaftsverhältnis geborenen Kindern herstellte, verstösst gegen den internationalen ordre public.


Filles excisées : jugement confirmé contre la mère somalienne

SUISSE: MUTILATION D'ORGANES GÉNITAUX FÉMININS

Tribunal fédéral, 11 février 2019 (ATF 145 IV 17)

Le Tribunal fédéral confirme la condamnation d’une femme de Somalie qui avait fait exciser ses filles dans son pays d'origine avant leur venue commune en Suisse.


Kein Vorsorgeunterhalt im Rahmen vorsorglicher Massnahmen für die Zeit des Scheidungsverfahrens

SCHWEIZ: EHERECHT

Bundesgericht, 9. April 2019 (5A_14/2019)

Mit der auf den 1. Januar 2017 in Kraft getretenen Vorsorgerevision wurde u.a. Art. 122 ZGB geändert und der für die Teilung der beruflichen Vorsorge massgebliche Stichtag von der Rechtskraft des Scheidungsurteiles auf die Einleitung der Scheidungsklage vorverlegt. Es stellt sich damit die Frage, ob für die Zeit des Scheidungsverfahrens bereits im Rahmen vorsorglicher Massnahmen (bei denen es sich um ehelichen Unterhalt handelt) Vorsorgeunterhalt zugesprochen werden kann, wie es im Rahmen des nachehelichen Unterhalts möglich ist.


Homosexualität von Verbot der direkten Diskriminierung in Gleichstellungsgesetz nicht erfasst.
 

SCHWEIZ: GLEICHSTELLUNGSGESETZ

Bundesgericht, 5. April 2019 (BGE 145 II 153) 

Diskriminierungen aufgrund der sexuellen Orientierung, insbesondere wegen Homosexualität, fallen nur dann unter Diskriminierung aufgrund des Geschlechts im Sinne von Art. 3 Abs. 1 GlG (Bundesgesetz über die Gleichstellung von Frau und Mann), wenn sie geeignet sind, ausschliesslich oder überwiegend die Angehörigen eines bestimmten Geschlechts zu benachteiligen.


Lo sciopero politico non è illegale

ITALIA: DIRITTO DI SCIOPERO

Corte die Cassazione civile, 21.08.2004, n. 16515

Lo sciopero politico è legittimo e lecito sia sul piano penale che su quello civile. Una sentenza della Cassazione civile italiana che può essere applicata anche allo sciopero per la causa delle donne.


Considérations sur le Droit de grève

SUISSE: LIBERTÉ SYNDICALE

Par Isabelle FELLRATH

Il Tempo di silenzio è passato*

SVIZZERA: DIRITTO DI SCIOPERO E CAUSA DELLE DONNE

2019

Uscire dalla legalità per entrare nel diritto[1]

Kein verfassungsmässiges Recht auf einen Frauenstreik

SCHWEIZ: KÜNDIGUNG WEGEN FEMINISTISCHEM ENGAGEMENT

Bezirksgericht Bülach, 22. Dezember 1994 (JAR-1995-169)

Einer Kioskangestellten war im Januar 1992 missbräuchlich u.a. aufgrund ihres gewerkschaftlichen Engagements gekündigt worden. Das Bezirksgericht Bülach stellte jedoch fest, dass eine Kündigung alleine aufgrund der Teilnahme am Frauenstreiktag zulässig gewesen wäre.

Warum eine «10 vor 10»-Moderatorin einen Frauenstreikbutton tragen darf.

SCHWEIZ: MEINUNGSÄUSSERUNGSFREIHEIT VON JOURNALIST*INNEN

Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen, 4. Oktober 1991 (JAAC AAC 57.46)
Im Rahmen der dem Veranstalter eingeräumten Programmautonomie steht auch seinen Mitarbeiter*innen – unter strengeren Voraussetzungen als Dritten – das Recht auf freie Meinungsäusserung zu. Eine Moderatorin darf sich mit einem Hinweis auf den kommenden Frauenstreiktag verabschieden.

Zita Küng zu Legalität und Legitimität von Frauenstreiks

SCHWEIZ: RECHT UND FEMINISTISCHER AKTIVISMUS

21. Mai 2019

Das FRI organisierte zusammen mit den Demokratischen Jurist*innen Schweiz (DJS) eine Veranstaltung zum Frauenstreik. Zita Küng, erfahrene Juristin, Feministin und Aktivistin, streikte 1991 und tut es auch 2019. Sie erläuterte uns die rechtlichen Rahmenbedingungen von Frauenstreiks in der Schweiz und diskutierte mit uns über Interaktion von politischem Aktivismus und Recht und konkret über das Potential der Legitimation politischer Streiks nicht (nur) durch Recht sondern durch politische Bewegungen.


Keine missbräuchliche Kündigung infolge Streiks

SCHWEIZ: STREIKRECHT

BGer, Urteil vom 17.Dezember 2018, 4A_64/2018

Die Beschwerde von 20 Mitarbeitenden gegen das Spital (=Stiftung X) wegen missbräuchlicher Kündigung infolge Streiks wird abgewiesen


Kantonales Streikverbot für Pflegepersonal aufgehoben

SCHWEIZ: STREIKRECHT

Das Bundesgericht entscheidet, dass ein allgemeines gesetzliches Streikverbot für das Pflegepersonal, wie es Art. 68 Absatz 7 des Gesetzes über das Staatspersonal (StPG FR) des Kanton Freiburg im Jahre 2017 neu vorgesehen hatte, unverhältnismässig ist.


Obligation d’inviter des spécialistes en matière de genre dans une émission radio

ARGENTINIA: DROIT PÉNAL ET DISCRIMINATION DE GENRE

Juge n°31 du Fuero penal, Contravencional y de Faltas de Buenos Aires, accord homologué en décembre 2018

Des poursuites pénales dirigées contre un animateur radio pour discrimination et violence de genre ont été suspendues moyennant des mesures destinées à renforcer la tolérance du public de l’animateur radio.


Die Erwähnung längerer Absenzen wegen Mutterschaft und Krankheit im Arbeitszeugnis sind zulässig

SCHWEIZ: ARBEITSRECHT

Bundesgericht, 17. September 2018, 8C_134/2018

Keine Rachekündigung, wenn kein Zusammenhang mit einem hängigen Diskriminierungsverfahren vorliegt. Bei einer Frau* im gebärfähigen Alter, ob sie nun Mutter ist oder nicht, ist stets mit der Möglichkeit einer (weiteren) Mutterschaft und entsprechenden Ausfällen zu rechnen


Refus du partage de la prévoyance professionnelle pour justes motif – violation de l’obligation d‘entretien

SUISSE: DROIT DU DIVORCE

Tribunal fédéral, 6 novembre 2018, 5A_443/2018

La violation grave de l’obligation de contribuer à l’entretien de la famille peut être un juste motifs pour refuser le partage de la prévoyance professionnelle.


Keine Witwenrente für Witwer und Verpartnerte

SCHWEIZ: SOZIALVERSICHERUNGSRECHT

Bundesgericht, 15. Januar 2018, 9C_871/2017
Bundesgericht, 4. April 2018, 9C_119/2018

Es ist seit langem anerkannt, dass Art. 23 und 24 AHVG gegen das Prinzip der Gleichstellung von Mann und Frau verstossen. Es liegt aber nicht am Richter, die erforderlichen Korrekturen vorzunehmen.


Schulstufenmodell bei alternierender Obhut

SCHWEIZ: FAMILIENRECHT - KINDESUNTERHALT

Bundesgericht, 25.September 2018 (5A_968/2017)

Das neue «Schulstufenmodell», das die Aufstockung des Beschäftigungsgrads des kinderbetreuenden Elternteils auf 100 % erst ab dem 16. Altersjahr des jüngsten Kindes verlangt, gilt unter Umständen auch bei alternierender Obhut.