Ein familiär bedingter Statuswechsel kann ein Revisionsgrund sein und zur Neuberechnung der Invalidenrente führen
Spendenbutton / Faire un don
Gender Law Newsletter FRI 2025#3, 01.09.2025 - Newsletter abonnieren
SCHWEIZ: SOZIALVERSICHERUNGSRECHT
Urteil des Bundesgerichts 9C_477/2024 vom 24. April 2025 (Präzisierung der Rechtsprechung)
Ein familiär bedingter Statuswechsel hin zu einer teilzeitlichen Erwerbstätigkeit gilt seit der am 1. Januar 2018 in Kraft getretenen Verordnungsänderung auch bei einer dem Urteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte in Sachen Di Trizio gegen Schweiz (7186/09) vom 2. Februar 2016 analogen Konstellation als Revisionsgrund (BGE 147 V 124). Allein die Geburt eines Kindes bedeutet allerdings nicht zwingend einen Statuswechsel.
Mit Entscheid vom 16. Oktober 2020 hatte die Invalidenstelle Neuenburg der Klägerin ab 1. Dezember 2016 eine Invalidenrente von ¾ mit Invaliditätsgrad 66% zuerkannt, aufgrund einer Vollerwerbstätigkeit und damit des Einkommensvergleichs. Im Juli 2022 wurde sie Mutter eines Kindes, woraufhin die IV-Stelle ein Revisionsverfahren einleitete und die gemischte Methode anwandte, da die Versicherte nunmehr teilzeiterwerbstätig sei (60% Erwerbsarbeit, 40% im Aufgabenbereich). Infolge der Anwendung der gemischten Methode (Einkommensvergleich und Einschränkungen bei der Betätigung im Aufgabenbereich) ergab sich daraus eine Reduktion der Invalidenrente auf 40%.
Das kantonale Versicherungsgericht hiess eine dagegen gerichtete Beschwerde unter anderem unter Berufung auf BGE 143 I 50 gut, wonach die revisionsweise Aufhebung einer Invalidenrente EMRK-widrig ist, wenn allein familiäre Gründe (die Geburt von Kindern und die damit einhergehende Reduktion des Erwerbspensums) für einen Statuswechsel von "vollerwerbstätig" zu "teilerwerbstätig" (mit Aufgabenbereich) sprechen (zum Thema siehe auch Newsletter 2017#4).
Die IV-Stelle führt Beschwerde vor Bundesgericht insbesondere unter Berufung auf BGE 147 V 124, wonach ein familiär bedingter Statuswechsel hin zu einer Teilzeitarbeit seit der am 1. Januar 2018 in Kraft getretenen Verordnungsänderung (Art. 27 und 27bis IVV) auch bei einer dem Urteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte in Sachen Di Trizio gegen Schweiz (7186/09) vom 2. Februar 2016 (Newsletter 2016#1) analogen Konstellation als Revisionsgrund gilt.
Das Bundesgericht heisst die Beschwerde in dem Sinne gut, dass ein Revisionsgrund vorliegt. Die Sache wird jedoch an die Vorinstanz zurückgewiesen, damit sie abklärt, ob die Aufgabe der Erwerbsarbeit wie von der Versicherten geltend gemacht bloss vorübergehend sei.
Dieser Entscheid wurde in NLRCAS vom Juni 2025 von Benoît SANSONNENS, avocat à Fribourg zusammengefasst und wie folgt kommentiert:
«Note: Depuis l’entrée en vigueur de l’art. 27bis LAI révisé et l’ATF 147 V 124, on pouvait légitimement craindre un retour à la pratique précédente, qui permettait à l’office AI de réviser le droit à la rente pour la seule raison que l’assurée avait donné naissance à un enfant. Cet arrêt apporte ici une précision bienvenue, dans ce sens que si la naissance de l’enfant peut effectivement constituer un motif de révision, elle ne suffit pas, en soi, à justifier le changement de statut, l’examen de l’ensemble des circonstances demeurant nécessaire, en particulier en présence d’une assurée qui soutient qu’elle aurait continué de travailler à plein temps après la naissance de l’enfant.
Néanmoins, le caractère discriminatoire de la nouvelle disposition réglementaire et de la jurisprudence rendue en application de cette dernière doit à notre sens encore faire l’objet d’un examen attentif. En effet, il faut constater que le postulat d’une réduction du taux d’activité après la naissance d’un enfant ne s’applique qu’aux femmes, cette question ne se posant pas lorsque le rentier AI est un homme. Par ailleurs, la réalité économique des familles conduit aujourd’hui très souvent les deux parents à devoir exercer une activité lucrative à temps plein. Finalement, le maintien d’une activité lucrative au taux le plus élevé possible pour les femmes après la naissance d’un enfant est ce qui est attendu d’elles, par exemple en droit de la famille ou encore lorsqu’il s’agit de calculer le droit aux prestations complémentaires du conjoint. Une certaine cohérence de notre ordre juridique sur cette question serait bienvenue.»
Ergänzender Kommentar von Rosemarie Weibel
Immer mehr Eltern teilen sich die Sorge insbesondere um die Kinder, führen den Haushalt gemeinsam und möchten (oder sind) beide teilzeiterwerbstätig. Die Anwendung der gemischten Methode wird sich damit in Zukunft möglicherweise von einem Problem bei Mutterschaft auf ein Problem bei Elternschaft verschieben. Es wäre wohl an der Zeit, sich der Frage nach der Berechnung des Invaliditätsgrades im Aufgabenbereich zu widmen: Dieser wird oftmals mit eher fraglichen Begründungen als geringer als im Erwerbsbereich veranlagt, unter anderem unter Hinweis auf die Mitwirkungspflicht von Familienangehörigen. Mit anderen Worten wird die Tätigkeit im Aufgabenbereich und damit die Sorgearbeit im weitesten Sinne als minderwertig und wenig anspruchsvoll bewertet bzw. als frei einteilbare Teilzeitarbeit, was indirekt zu einer Verzerrung der an sich revidierten Berechnung gemäss Art. 27bis IVV führt.
Direkter Zugang zum Urteil (https://www.bger.ch)